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Fremdheitskonstruktionen und Kolonialdiskurs in Julius Langbehns Rembrandt als Erzieher

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Fremdheitskonstruktionen und Kolonialdiskurs in Julius Langbehns Rembrandt als Erzieher
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  ZiG | Zeitschrift für interkulturelle Germanistik 4|2013|H1 | © transcript 2013 Fremdheitskonstruktionen und Kolonialdiskurs in Julius Langbehns Rembrandt als Erzieher  Ein Beitrag zur interkulturellen Dimension der Kulturkritik um 1900 E󰁶󰁡 W󰁩󰁥󰁧󰁭󰁡󰁮󰁮-S󰁣󰁨󰁵󰁢󰁥󰁲󰁴 Abstract: The analysis of intercultural aspects of Julius Langbehns Rembrandt as Educator shows, how intracultur al changes in the context of the modernization process are projected on an intercultural level in order to defend traditional identity constructions. This strategy of defense is also following imperialistic principles. Compared with modes of reaction on today’s globalization process, there are some decisive parallels, so that it seems indispensable to subsume failures of the intercultural dialogue and strategies of exclusion observable in Langbehn’s text under the research paradigm of interculturalism which up to now has largely been oriented towards the present. Die Beurteilung des Menschen August Julius Langbehns oszillierte zwischen psychotisch und genialisch. Seine Biografie ist reich an kuriosen Anekdoten. So bildete er sich etwa ein, Nietzsche heilen zu können, und bemühte sich so-gar um die Vormundschaft für den kranken Philosophen (vgl. u.a. Stern 2005: 156f.). Er führte das Leben eines exzentrischen, einen primitiv-bäuerlichen Le-bensstil pflegenden Aussteigers ohne festen Wohnsitz und schickte seine Pro-motionsurkunde, die ihn immerhin als Doktor der Kunstgeschichte auswies, zerrissen an die Universität München zurück. Weder die ausgesprochen schillernde Persönlichkeit Langbehns noch seine individuelle Pathogenese sollen hier jedoch im Vordergrund stehen. Das Werk Rembrandt als Erzieher   wird hier vielmehr in erster Linie als eine Art Repräsen-tationsschrift für die sich ausbildende kulturkritische Mentalität an der Schwel-le zum 20. Jahrhundert und den spezifischen Redaktionsmodus auf einen »Modernisierungsprozess von kulturrevolutionären Dimensionen« (Sloterdijk 1995: 310) gelesen. Wenn man so will, werden die das Werk prägenden psycho-tischen Charakteristika (vgl. Bürger-Prinz 1932 und Bürger-Prinz/Segelke 1940) hier nicht als Ausdruck einer individuellen Krankengeschichte interpretiert,  60  | E VA  W IEGMANN -S CHUBERT  sondern als Manifestation einer zeittypischen »Tendenz zu einer  paranoiden  politischen Denkstruktur  « (Titzmann 1991: 131), die aus der kognitiven Überforde-rung weiter Bevölkerungsteile durch eine sich in rapidem strukturellen Wandel befindliche Umwelt erwächst (vgl. Wiegmann-Schubert 2012: 157ff.). Die gewal-tige Resonanz auf dieses Buch, das bereits »ein Jahr nach seinem Erscheinen […] seine 38. Auflage erzielte« (Zimmermann 1975: 54), kann als ein Indiz dafür genommen werden, wie sehr sein kulturkritischer Tenor mit der allgemeinen Stimmungslage im ausgehenden 19. Jahrhundert übereinstimmte.   Obwohl im Vorfeld bereits Paul de Lagardes Deutsche Schriften  (1878) ähnliche Töne an-schlugen und diesem auch zunächst der 1890 anonym erschienene Rembrandt als Erzieher   zugeschrieben wurde, begann sich die deutsche antimoderne Bewe-gung im eigentlichen Sinne erst mit dieser Schrift zu formieren. Nietzsches kul-turkritische Schriften entstanden zwar schon in den 1870er Jahren, eine breitere Rezeption setzt jedoch erst nach dem Erscheinen des langbehnschen Werkes ein. Insofern kommt man an einer genaueren Betrachtung dieses mühsam zu lesenden Buches, das Fritz Stern »eine Rhapsodie des Irrationalismus« (Stern 2005: 144) nennt, nicht vorbei, will man der schwellenzeitlichen Mentalität auf den Grund gehen. Das Werk Rembrandt als Erzieher  , das »fast jeden Streitpunkt[ ] und [jedes] Reizwort[ ]« (Behrendt 1984: 138) seiner Zeit berührt, verwebt die verschiede-nen zeittypischen Diskursfäden zu einem dichten Textgewebe, das arabeske Züge trägt. In dieser Form der »aphorismenartigen« Verschlingung, in der sich »wörtliche und metaphorisch Ebene permanent durchkreuzen« und »autorefle-xive sprachliche Strukturen an die Stelle konventioneller […] Argumentations-formen« (Heinßen 2003: 447 u. 450) treten, liegt das Neuartige dieses Buches, ja dessen »zukunftsweisende Wirkung« und »Modernität« (ebd.: 434 u. 438), in der Johannes Heinßen »auf eigentümliche Weise die Entwicklung der Li-teratur der kommenden Jahre« (ebd.: 449) vorweggenommen sieht. In dieser neuen Form versucht Langbehn die als Gegenentwurf zu einer diagnostizierten Zersplitterung des Gesamtzusammenhangs im Zuge umfassender Modernisie-rungsprozesse konzipierte »Synthese« (Langbehn 1890: 2) auf der Textebene zu vollziehen, indem er das Nebeneinander einzelner, hier als ›modernes Spezia-listentum‹ bezeichneter, Einzeldiskurse wieder zu einem untrennbaren Ganzen zusammenzufügen sucht. Mit dieser Textform intendiert er im Grunde eine in diesem Werk immer wieder als Antidot gegen die fragmentierende Wirkung der analytischen Naturwissenschaft beschworene Kunst vorzuführen, die – in den Worten des von Langbehn verehrten Nietzsche – »in Eins« zu dichten »und zusammen zu tragen« vermag, »was Bruchstück ist.« (Nietzsche 1999: 248)Die langbehnsche Strategie der Gegenwehr gegen die Auswirkungen des Modernisierungsprozesses lässt sich jedoch nicht allein auf formalästhetische Aspekte reduzieren. Sein ästhetisches Programm geht, so die hier vertretene These, vielmehr untrennbar mit einem interkulturellen Reaktionsmodus ein-her, dessen Berücksichtigung zwar nicht alle Paradoxien des Werkes aufzulösen vermag, aber die Argumentationsstruktur insgesamt doch deutlich einsichtiger  F  REMDHEITSKONSTRUKTIONEN   UND  K  OLONIALDISKURS   IN  L  ANGBEHNS   R EMBRANDT   |   61 macht und damit auch die Figur Langbehn in ein anderes, weniger pathologisch gefärbtes Licht rückt. Im Folgenden soll insbesondere gezeigt werden, wie in Rembrandt als Er-zieher   gesellschaftspolitische und geistige »Achsenverschiebungen« (Langbehn 1890: 2), welche die gewohnten Identitätskonstruktionen in Frage stellen, in einem Prozess der Übertragung auf interkulturelle Gemengelagen abgebil-det werden und inwieweit das von Langbehn heraufbeschworene ›erlösende‹ Kunstzeitalter auf der Grundlage von expansiven Grenzverschiebungsprozes-sen gedacht ist. Dabei bezieht sich das Erkenntnisinteresse auch auf ein mög-liches Fortwirken spezifischer Denkmuster der Zeit um 1900 als der »Inkuba-tionsphase jener Bewegungen und Momente, die bis in unsere Tage hinein-ragende soziokulturelle Muster, Lebensstile, Lebensrhythmen und Werthaltun-gen geprägt haben« (Dipper 2012: 56). Das Phänomen der Entgrenzung, das charakteristisch ist für den Umbruch zur »Moderne im engeren Sinne« (ebd.), findet darüber hinaus eine gewisse Entsprechung in den heutigen Globalisie-rungsprozessen. Insofern stellt sich die Frage danach, inwiefern diese Ergebnis-se für die bislang vorwiegend gegenwartsorientierte Interkulturalitätsforschung fruchtbar gemacht werden können, die bislang das »potentielle[ ] Scheitern« des interkulturellen Dialoges und »Exklusionsstrategien, die entweder subku-tan oder ostentativ über das Interkulturalitätsparadigma ausgetragen werden« (Heimböckel 2012: 28), nicht in die Forschung miteinbezieht. In diesem Sin-ne intendiert die vorliegende Untersuchung der interkulturellen Dimension in Langbehns Rembrandt als Erzieher   die Stärkung des kritischen Potentials der interkulturellen Literaturwissenschaft. 1 Im Folgenden werden zunächst die in Rembrandt als Erzieher   feststellbaren interkulturellen Reaktionsmodi analysiert, die sich in nachstehende Hauptas-pekte gliedern lassen: Projektion (1.), Abgrenzung und Exklusion (2.), Inklusion (3.) und Expansion (4.). Im Anschluss daran wird dann die Frage nach mögli-chen strukturellen Parallelen in den Reaktionsformen auf die Wandlungs- und Globalisierungsprozesse der heutigen Schwellenzeit aufgeworfen. 1. P ROJEKTION   INTRAKULTURELLER  K  ONFLIKTE    AUF    INTERKULTURELLE  G EMENGELAGEN Der Umbruch zur technischen Moderne wurde begleitet von allgegenwärtigen Entgrenzungsprozessen, die eine »umfassende Erschütterung tradierter Ver-ständnismuster« (Plumpe 1978: 75) hervorriefen, wie den Zerfall der Ständeord-nung, der als »Auflösung der […] Volkskörper zu formlosen Massen« (Spengler 2003: III. Tafel) empfunden wurde, die Veränderung der traditionellen Raum- 1  | Diese Fragestellung liegt insgesamt dem vom FNR geförderten Forschungspro- jekt Repräsentationen des Fremden in der deutschsprachigen Kulturkritik um 1900  an der Universität Luxemburg zugrunde, dem die Ergebnisse dieses Beitrags entsprungen sind.  62  | E VA  W IEGMANN -S CHUBERT  struktur durch die fortschreitende Verstädterung, die Ablösung ›authentischer‹ Kommunikationsstrukturen (vgl. Lévi-Strauss 1972: 53) durch mediale Innova-tionen etc. Diese Auflösung gewohnter Strukturen und Orientierungspunkte steigerte die Angst des Individuums in einer immer unübersichtlicher und un-verständlicher werdenden Umwelt »wie ein verlorener Punkt im leeren Raum zu versinken« (Jaspers 1999: 56). Die umfassende Transzendierung traditioneller Grenzziehungen be dingt ein Bedürfnis nach Festschreibung der eigenen Identität, das sich in Langbehns Rembrandt in dem leitmotivisch auftretenden Terminus »Individualität« mani-festiert. Dieses Schlagwort bezeichnet hier allerdings nicht nur die Einzigartig-keit eines jeden Menschen, sondern weist darüber hinaus auf eine besondere, heimatverbundene Kultur, deren normative Implikation gegen eine moderne ›Allerweltszivilisation‹ gerichtet ist, in der sich die individuelle Kultur nicht ver-lieren dürfe. Die Bedeutungserweiterung von ›Individualität‹ verweist darauf, dass der die Axiome menschlicher Handlungsorientierung radikal verändernde Modernisierungsprozess nicht nur die Identität des Einzelnen, sondern auch die Kollektividentität der Gruppe herausfordert. In einem Prozess der » Iden-tifizierung   « mit dem » social self  «, der »sich bis zu einer Überidentifizierung« (Waldenfels 1999: 22) steigert, wird der Subjektstatus vom einzelnen Individu-um auf das Volksganze übertragen, wodurch der individuellen Identitätskons-truktion mehr Substanz verliehen wird. Um diese Identität in Zeiten des rapi-den Wandels möglichst stabil zu halten, werden definitorische Grenzziehungen vorgenommen, denn so wie die Selbsterkenntnis des Einzelnen nur durch den Prozess der Objektivierung, d.h. der intellektuellen Trennung zwischen Ich und Welt erfolgen kann, sind auch »Kulturen erst infolge ihrer Abgrenzung pro-filierbar und traditionsfähig« (Košt’álová 2003: 239). Auch ein kulturelles Ich kann demnach nicht »ohne Widerparts, Negationen und Oppositionen« (Said 1994: 93) existieren. Generell ist die identitätskonstruierende Notwendigkeit der Differenzierung von Eigenem und Fremdem umso größer, je näher dieses Fremde dem Eige-nen kommt. Entsprechend werden in Rembrandt als Erzieher   ›fernfremde‹ (vgl. Weinrich 1990) Kulturen wie etwa die Japaner zwar als »geographische[ ] und geistige[ ] Antipoden« (Langbehn 1890: 220) der Deutschen bezeichnet, da je-doch fast ein ganzer Erdball zwischen Asien und der niederdeutschen Tiefebene liegt, die für Langbehn ›Heimat‹ bedeutet, ist das konkrete Bedrohungspotenti-al dieser vollkommen andersartigen Kultur im Grunde vernachlässigbar. Afrika stellt hier ohnehin keine Bedrohung dar, weil seine Einwohner in den Augen der zeitgenössischen Europäer als schlichtweg dumm eingestuft wurden. So gilt auch Langbehn »der Neger« als einfältig, da er »sein Land und seine Freiheit für eine Flasche gefälschten Rums und einige Glasperlen verkauft.« (Ebd.: 278) Der Orient, den Edward Said als die Gegenkonstruktion schlechthin zu Europa definiert (vgl. Said 2009), wird ebenfalls als andersartiger Kulturraum benannt und mit den üblichen Stereotypisierungen der moralischen Verwerf-lichkeit belegt, wenn Langbehn ihn als Heimat »greisenhafte[r] Völker«, d.h. einer dekadenten, dem Untergang geweihten Kultur bezeichnet. Beispielhaft  F  REMDHEITSKONSTRUKTIONEN   UND  K  OLONIALDISKURS   IN  L  ANGBEHNS   R EMBRANDT   |   63 angeführt wird das Image der »heutigen Türken« (Langbehn 1890: 240), die ihre große Zeit längst hinter sich hätten. Das Adjektiv ›orientalisch‹ wird pejo-rativ verwendet, etwa um die ›Liederlichkeit‹ einer Kultur bzw. Gesellschaft her-auszustellen, wie etwa die des »überwiegend orientalisirte[n] [sic!] kaiserliche[n] Rom[s]« (ebd.: 103). ›Zuwider‹ ist Langbehn außerdem »das egyptische [sic!] Hinbrüten« (ebd.: 296), dem er die heroische Tatkraft der Niederdeutschen ent-gegensetzt. Dennoch geht in Langbehns Vorstellungswelt von den im Orient lebenden Menschen keine konkrete Gefahr aus. 2  Diese konkretisiert sich für ihn erst in räumlicher Nähe, in Gestalt der »Hauptfeinde, Frankreich und Ruß-land« (ebd.: 155). Insbesondere gegen Frankreich wird eine radikale Abgrenzung vorgenom-men, wobei eine Projektion all jener Aspekte des Modernisierungsprozesses, die die eigene Identität zu bedrohen scheinen, auf das südwestliche Nachbar-land stattfindet. Dabei wird die, im Vergleich mit den ›fernfremden‹ Kulturen, an sich nicht außerordentlich große Fremdheit zwischen den beiden europäi-schen Kulturnationen Deutschland und Frankreich bis zum absolut Gegensätz-lichen ausgeweitet. 3  Diese Fremdheit »wird zum Etikett«, das den zivilisatori-schen, angeblich »von außen kommenden« Einflüssen »angehängt wird«, mit der Zielsetzung die eigene kulturelle Identität von den Modernisierungspro-zessen abzugrenzen und »einen Sündenbock zu finden.« (Sundermeier 2003: 550) Das Frankreich-Image ist also eine »intendierte Fremdheitskonstruktion«, die eine »Fremdstellung« vornimmt, »um […] das Fremdgestellte auszugrenzen und zum normativ Fremden zu erklären.« (Albrecht 2003: 237; vgl. auch Ohle 1978 u. Horn 1987) Diese Fremdheitskonstruktion geht hauptursächlich zurück auf die Unbe-greifbarkeit der vielschichtigen, hyperkomplexen Wandlungsprozesse, die in ihrer Gesamtheit eigentlich nicht lokalisierbar und personalisierbar sind, da sie sich analog zu den anonymisierten internationalen Wirtschaftsverflechtun-gen de facto  länderübergreifend vollziehen. Ein konkreter Verursacher ist dabei zunächst nicht adressierbar. Diese unheimliche »Angst« (hier verstanden im Sinne Heideggers) vor den diffusen Kräften, die den Bereich der eigenen Hei-mat radikal verfremden, hat also »zunächst kein Objekt […]. Sie muß sich das Fremde außen erst schaffen.« Dieser »projektive Mechanismus«, der die intra-kulturelle Problemlage auf eine interkulturelle Ebene verschiebt, erschöpft sich jedoch laut Uli Bielefeld nie in sich selbst, sondern geht immer »zusammen mit einer Ich-Ideal-Bildung, die sich gerade auf der Basis einer Destruktion des Ichs vollzieht.« 2  | Ganz anders verhält es sich dagegen mit den im europäischen Raum lebenden ›Ori-entalen‹, doch dazu später mehr. 3  | Diese Ausweitung ist deshalb möglich, weil nach Wierlacher »Fremdheit kein abso-luter Maßstab ist und sich aus der Differenz zum Vertrauten ergibt, also ein Relations-begriff ist« (Sundermeier 2003: 550).
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