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Rezension: Das terrestrische Manifest (Bruno Latour)

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Rezension: Das terrestrische Manifest (Bruno Latour)
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  578  Besprechungen DAS ARGUMENT 328/2018 © Cyborg-Theorie zelebriert? Wenn Wark nach einer neuen Kritischen Theorie sucht, als selbstreexive Form von Wissenschaft und Praxis, die sich aus einer mündigen Zivil-gesellschaft formt, könnte er sie genau dort nden. Es ist schade und wohl auch symptomatisch, dass für die komplexen Probleme des Spätkapitalismus – etwa den Klimawandel –, die zur Bildung des Begriffs Anthropozän Anlass gegeben haben, wirkliche Lösungsansätze, trotz aller Brisanz und allen Zeit-drucks, verspielt werden. Wark zitiert marxistisch-revolutionäre Denkströmungen ohne im Geringsten selbst auf revolutionäres Handeln einzugehen. Wo bleiben die Theorien zu einer Postwachstums- und Post(natur-)ausbeutungsgesellschaft? Wo bleibt Warks Alter-native zum Kapitalismus? Im Vorwort heißt es: »Ich verstehe mich als Theoretiker, der über die Wissenschaften schreibt, und möchte dabei keine Autorität beanspruchen, son-dern frei sein, auch falsch liegen zu können« (19). Diese Freiheit hat er weidlich genutzt.Claudia van Leeuwen (Berlin) Latour,    Bruno,     Das terrestrische Manifest  , Suhrkamp, Berlin 2018 (136 S., br., 14 €) Latour nimmt die Wahl Donald Trumps zum Anlass, um drei, im Wesentlichen seit den 1990er Jahren hervorgetretene Phänomene miteinander zu verknüpfen: »Deregulierung«, »Explosion der Ungleichheiten« und »Leugnung der Klimaveränderung« (9). Sie seien Symptome dafür, dass ein Großteil der ›heutigen Eliten‹ zu dem Entschluss gekommen sei, »die gemeinsame Welt nicht mehr mit dem Rest der neun Milliarden Normalbürger zu teilen« (98). Mit der Demontage der Solidarität und der Schaffung größerer Ungleichheit durch die Entfesselung des Marktes hätten die Eliten mit den Vorbereitungen zur Flucht begonnen, die sie als kleiner privilegierter Teil im entscheidenden Moment antreten wollten. Dass sich dies nach einer Verschwörung anhört, merkt Latour selbst, meint aber, sie belegen zu können, »auch wenn kein offensichtlicher Beweis vorliegt« (31). Die »Hypo- these« seiner »in einem bewusst sprunghaften Stil gehaltenen Reexionen« lautet: Um die politischen Positionen der vergangenen fünfzig Jahre zu verstehen, müsse die »Kli-mafrage und deren Leugnung« (10) ins Zentrum gerückt werden. Die Klimakrise sei ein »höchst gewaltsamer Angriff« vor allem auf die westlichen Staaten, die es – anders als die ehemals kolonialisierten – nicht gewohnt seien, dass ihnen ihre Territorien entrissen würden (16). Dieses Schicksal aber teilten sie heute mit allen anderen: »Die neue Uni- versalität ist das Empnden, dass einem der Boden unter den Füßen wegsackt.« (18) Grund für die Klimaveränderung sei die Globalisierung, ihr Resultat eine universelle Unsicherheit, die große Migrationsbewegung, der Brexit und die mehrfach hervorgeho-bene Wahl Trumps. Der richtige Umgang mit dieser universalen Unsicherheit wäre es, »herauszunden, welches Territorium bewohnbar ist und mit wem wir es teilen wollen« (18), der falsche, aber bspw. von England und den USA bevorzugte, die Verdrängung. Die heute anstehende Grundsatzentscheidung sei die zwischen Modernisierung und Öko-logisierung (57). Beides zugleich scheint nicht möglich. Die bisherigen Orientierungspunkte der Politik – links/rechts (60ff), globales/lokales (35ff) – seien zum »AUSSERERDIGEN« geworden (50), da nicht mehr verwirklichbar: Die Ressourcen der Erde reichten nicht aus, um die Globalisierungs- und Modernisierungspläne aller Staaten umzusetzen, doch schließe die globale Vernetzung zugleich aus, rein lokale Politik zu betreiben. Hinzu kommt als weitere Orientierung »das TERRESTRISCHE« (51). Es trete als neuer » Politik-Akteur « neben dem Menschen auf, doch gebe es noch weitere ›Akteure‹, die heute dem Menschen »die Hauptrolle streitig« machen: »Dekor, Kulissen,  Sprache und Literatur 579 DAS ARGUMENT 328/2018 © Hinterbühne« (ebd.), aber auch »CO 2 […], Antibiotika« (108) oder ein »Wolf«, eine »Bak-terie« und eine »Gottheit« (110). Dabei schreibt Latour all diesen »›natürlichen‹ Akteuren« Interessen zu, die sich mit unseren überlagern (102), und kommt zu dem Schluss, dass es an der Zeit sei, »nicht mehr von Menschen, Humanwesen, zu sprechen, sondern von Terres-trischen, von Erdverbundenen«, was »den Vorteil« habe, »dass es weder Geschlecht noch Gattung genauer angibt« (101). Was Latour als Vorteil erscheint, ist nichts weniger als die ökologisch kommensurabel gemachte Verabschiedung der Sichtbarkeit von Gattungs- und Geschlechterverhältnissen und damit zugleich die Möglichkeit diese zu kritisieren. Latour bemängelt, die politischen Strömungen »Sozialismus« und »Ökologie« hätten sich in der Vergangenheit entweder auf die »soziale Frage« oder auf die »ökologische« konzentriert (69). Die eigentliche Wahl aber bestehe zwischen »  zwei Ausrichtungen der Politik: Die eine deniert die soziale Frage restriktiv, die andere bestimmt die grund -legenden Themen des Überlebens, ohne die  Arten von Assoziationen , aus denen die Kollektive bestehen, vorab zu differenzieren.« (Ebd.) Damit setzt er menschliche und nicht-menschliche Akteure ineins. Was er die » neue geo-soziale Frage « (76) nennt, läuft im Kern auf die Desartikulation der ›sozialen Frage‹ hinaus, können doch – gerade in ökologischen Fragen – allein die zu intentionalem Handeln befähigten Menschen die Verantwortung übernehmen.Die bisherige, »auf Produktionssysteme  geeichte Analyse« (96), die auf einer »Tren-nung der menschlichen Akteure von ihren Ressourcen« (97) fuße, müsse zu einer »auf  Erzeugungssysteme geeichten Analyse« (96) übergehen, die »Agentien, Akteure, lebende Wesen« (97) auf ein und derselben Ebene verortet. Der von Latour aufgemachte Dualismus zwischen Produktion und Erzeugung leuchtet nicht ein. So kann der Mensch bereits nach Marx »in seiner Produktion nur verfahren, wie die Natur selbst, d.h. nur die Formen der Stoffe ändern«, wobei er »beständig unterstützt [wird] von Naturkräften« ( Kapital I  , MEW 23, 57f), sodass ihm »die Erde und der Arbeiter« (in Latours Sinne also sowohl menschli-che als auch ›nicht-menschliche Akteure‹) – der Erzeugungsprozess der natura naturans  und die gesellschaftliche Produktion als »Springquellen alles Reichtums« gilt, beide unter-graben vom kapitalistischen Produktionsprozess (529f). Latours Urteil, die Analyse der Produktionsprozesse trenne als solche, in dieser Allgemeinheit den Menschen von seinen Ressourcen und beziehe die ökologische Frage nicht ein, erweist sich damit als falsch. Auch denn Latour also die engen Verhältnisse zwischen Menschen und ›nicht-mensch-lichen Akteuren‹ zu Recht betont, um so die Klimakrise ins Zentrum aller politischen Entscheidungen zu rücken, lässt er die Spezik verschwinden, die diese Verhältnisse aus -macht. So torpediert er jedes sozialkritische Denken und Sprechen, das den Mensch-Natur-Verhältnissen in Begriffen der Produktionsweise Rechnung trägt. Mattis Körber (Berlin) Sprache und Literatur Eiden-Offe, Patrick,     Die Poesie der Klasse. Romantischer Antikapitalismus und die  Erfndung des Proletariats , Matthes & Seitz, Berlin 2017 (460 S., Ln., 30 €)Das vorliegende Buch ist mehr als nur ein Beitrag zur Frühgeschichte der Arbeiterbe-wegung in Deutschland. Es regt an, den antikapitalistischen Widerstand neu zu denken, wenn auch die titelgebende Behauptung – die Verbindung zwischen romantischem Anti-kapitalismus und der Entdeckung des Proletariats – nicht wirklich belegt wird.
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